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Klaus Blessing |
Maßholderpfad1, 65933 Frankfurt am Main |
Hintergrundbericht
Dezember 2003:
Spiel und Sport für Kinder und Jugendliche in Rumänien und Albanien
Liebe Freundinnen und Freunde,
wie in den Vorjahren habe ich wieder Berichte über Beobachtungen und Eindrücke in den besuchten Länder angefertigt, die selbstverständlich nur meine persönliche Meinung wiedergeben können. Einzelheiten und Bilder können Sie auch meiner Internet-Seite "www.spiel-sport-projekte.de" entnehmen.
Rumänien
Im November war ich zwei Wochen mit einem jungen Helfer, Michael Röder, in Rumänien. In 4 Schulen konnten wir mit Hilfe guter Kontakte und verschiedener Spenden für ca. 2.500 Kinder und Jugendlichen unsere robusten Sportgeräte gemeinsam mit örtlichen Handwerkern bauen und installieren. Außerdem haben wir Schuldirektoren und Sportlehrer über Trainingsmethoden und olympische Themen informiert, Videokassetten und Texte erläutert und übergeben, die z.T. bereits ins Rumänische übersetzt wurden.
Der Prefekt (Präsident) des Kreises Maramures lobte die Sportanlagen als Modelle, die auch in anderen Schulen realisiert werden sollten und ergänzte, dass wir mit unserem Besuch und unserer nachhaltigen Arbeit ein ganz wesentliches Ziel erreicht haben: die Köpfe und Herzen der Schülerinnen und Schüler zu gewinnen. Die Lehrer forderte er auf, Sport in der Schule als Gesundheitsvorsorge, Erziehung zu fairem Verhalten in der Gemeinschaft sowie als Konfliktprävention zu betreiben. Der Unterzeichner konnte erläutern, dass es ein weiteres wichtiges Ziel der Initiative sei, in Deutschland lebende Rumänen ( "ich will den Kindern meiner Heimat helfen") sowie sonstige Interessenten an der Umsetzung dieser Hilfe zur Selbsthilfe zu beteiligen. Über eine Kontaktaufnahme in diesem Zusammenhang würden wir uns sehr freuen.
Wir hielten uns im Kreis Maramures im Nordwesten von Rumänien, ca 50 km von der Grenze zur Ukraine, auf. Dies ist eine schöne hügelige Landschaft mit vielen alten Holzkirchen und Klöstern, sowie den schneebedeckten Ostkarpaten im Hintergrund. Aber der Schein trügt: Der Kreis hat erhebliche Umweltprobleme und verbunden damit soziale Schwierigkeiten, verursacht durch diverse Unglücksfälle in Goldbergwerken mit der Vergiftung der Gewässer und des Landes durch Cyanid. Aus diesem Grund liegt der Tourismus fast vollständig brach.
Hinzu kommt, dass die Menschen in Rumänien in der Zeit des Kommunismus unter Ceausescu (1965 bis 1989) ein bedrückendes Gefühl von Ohnmacht hatten. Nun nach der Wende haben diese Menschen es schwer, sich das Neue anzueignen und zu Nutze zu machen, zumal sich fast monatlich die Gesetze für Wirtschaft, Finanzen oder Verwaltung ändern, der Monatsverdienst und die Rente extrem niedrig sind, eine sehr hohe Arbeitslosigkeit besteht und die rumänische Währung immer weniger wert ist. Ergebnis ist heute, dass der Optimismus und Aktionsdrang der frühen 90er Jahren durch Ernüchterung und ständige Enttäuschungen zum großen Teil verloren gegangen sind. Ein sehr wesentlicher Einschnitt in Rumänen war auch der Weggang von vielen 100.000 Deutschen und Ungarn in den letzten Jahren. Zurück blieben die älteren und kranken Menschen meist ohne Versorgung.
Beispiele: Während unserer Anwesenheit wurden zum 1.11. die Energiepreise in diesem Jahr zum wiederholten Male wesentlich erhöht. Die Werkstatt der Gemeinde, in der wir die Sportgeräte bauten, ist praktisch noch ein "Kombinat" alter Prägung und besteht aus uralten Gebäuden mit undichten Dächern. Überall verfallen viele Privathäuser und Wohnblöcke , die Heizungen funktionieren z.T. nicht, Ofenrohre ragen aus den Fenstern. Holz für den Winter wird überall gestapelt. Die wenigen Sportgeräte in Schulen sind meist defekt, Spielgeräte gibt es nicht einmal im Kindergarten. In unserem Ort gab es eine "Special" - Schule mit 165 Schülern und angeschlossenem Kinderheim, in der wir auch Sportgeräte installierten. Wir erfuhren, dass sich heute in den Heimen vor allem Waisenkinder sowie ausgesetzte und behinderte Kinder sammeln, deren Eltern für sie aufgrund ihrer Armut nicht sorgen können. Gemäß der Internationale Gesellschaft für Menschenrechte e.V. (II/2003) "verdanken die zahlreichen Kinderheime in Rumänien noch heute ihre Existenz einer dunklen Vergangenheit. ....Ceausescu sonderte nach staatlichen Intelligenztests Kinder aus, die unter erschütternden hygienischen Bedingungen dahinvegetierten.... Angesichts der desolaten Wirtschaftslage und des knappen Sozialbudgets handelt es sich hier um eine Aufgabe, mit welcher der rumänische Staat allein finanziell überfordert ist.". Aufgefallen sind uns auch viele bettelnde Kinder und Romas.
Aber es gibt auch positive Ansätze: Einige Geschäfte, Banken und Restaurants sind privatisiert und bauen ihr Angebot und Anwesen aus. Eine holländische Hilfsorganisation baut eine Sozialstation auf. Unsere Kontaktperson in Rumänien kümmert sich intensiv um die sozialen Probleme von Kindern (z.B. Kleidung besorgen, Schulspeisung) und um Umweltprobleme (sie hat bereits 70 "Grüne Gruppen" ins Leben gerufen). Wir lernten Geschäftsleute aus Deutschland kennen, die in einer nahen Stadt eine Produktionsstätte für EDV-Produkte (mit billigen rumänischen Arbeitskräften) aufbauen; sie konnten inzwischen auch Land erwerben. Es gibt keinen Stromausfall mehr oder Wasserprobleme. Die größeren Straßen sind sauber wenn auch meist ohne Bürgersteige und Beleuchtung; als wir einmal ein Problem mit dem Auto hatten, half man uns bereitwillig. Die ersten Computer sind in den Schulen eingezogen. Die Jugendlichen sind sehr sportbegeistert und kennen viele Bundesligaspieler. Sie schauen optimistisch in die Zukunft und hoffen auf eine baldige Aufnahme in die EU und wünschen sich den EURO als Zahlungsmittel.
Im "Kampf um die Jugend" hatte das kommunistische System den Kirchen jede Arbeit mit Kindern, den Religionsunterricht und die Führung von Schulen untersagt.
Die nicht orthodoxen Kirchen in Rumänien kümmern sich inzwischen wieder intensiv um die sozialen Probleme der Jugend und der älteren Menschen, z. B. durch Suppenküchen, Bau von Altersheimen oder Schulen, zum Teil verbunden mit Internaten. Die Teilnahme Jugendlicher an Veranstaltungen der Kirchen und der Drang zur Einschulung in deutsche Schulen ist groß; man verspricht sich damit auch eine Zugehörigkeit zum deutschen Kultur- und Sprachraum und die Möglichkeit, vielleicht einmal in Deutschland, der Schweiz oder Österreich studieren zu können. In diversen Klassen der deutschen Schule wurden wir interviewt und konnten wir viele solcher Absichten hören. Die katholische Kirche in Deutschland mit dem Sozialwerk "Renovabis" und die protestantische Kirche mit dem "Gustav-Adolf-Werk" (in dessen Auftrag wir in Rumänien waren) setzen sich gemeinsam mit den rumänischen Kirchen in vielfältiger Form für die Bewältigung der Probleme ein.
Rumänisch/orthodoxe Priester erläuterte uns bei verschiedenen Klosterbesuchen, dass auch ihre Kirche damit begonnen hat, Jugendarbeit anzubieten und Schülerheime aufzubauen.
Albanien
Bei meinem Besuch im März 2003 konnten ich in vier weiteren Schulen mit Hilfe von Sponsorengeldern Schul-Sportanlagen eröffnen. "Unsere" robusten Spiel- und Sportgeräten wurden bereits vielfach nachgebaut.
Mit Unterstützung des NOK Deutschland und der Hilfe von KOLPING ALBANIENHILFE WEILHEIM/OBB haben wir die Unterlagen für eine "Schülerolympiade" (olympische Erziehung an deutschen Schulen) übersetzt. Inzwischen hat das NOK Albanien und das albanische Erziehungsministerium entsprechende albanische Broschüren für alle Schulen herausgegeben. Im Frühjahr wird eine erste Olympiawoche an den Schulen in Albanien stattfinden.
Die von Baron Coubertin vor über 100 Jahre aufgestellten olympischen Grundsätze haben mich in diesem Jahr besonders fasziniert. Sie sind m.E. nach wie vor insbesondere für Kinder und Jugendliche hoch aktuell:
à
Die harmonische Ausbildung des ganzen Menschen
...nicht nur Psyche und Intellekt sondern
gleichermaßen muss auch die körperliche Seite teilhaben...
à Die persönliche
Verbesserung durch Sport
...wichtig für den
schwachen Schüler oder den behinderten Sportler: etwas besser zu können
als bisher...
à Die freiwillige
Beachtung von Regeln und Geboten
...durch faires
Verhalten eine eigene, für alle Beteiligten befriedigende, "bessere"
Welt zu gestalten....
à
Der Friedensgedanke und die Völkerverständigung
...Schulen werden
von unterschiedlichsten Nationalitäten besucht: Verständnis für
kulturellen Eigenarten...
à
Die Gleichberechtigung im und durch Sport
...Gleichberechtigung ... der Weltanschauungen, der
Rassen, Kulturen und Geschlechter....
Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit und ein gesundes und erfolgreiches Neues Jahr.
Herzliche
Grüße
Ihr
Klaus Blessing